Januar 2019 • Die Traumbeschauten • St. Gallen

Ein Abend um Egon Schiele

WIRK RAUM KIRCHE • Offene Kirche, Böcklinstrasse 2, 9000 St. Gallen

Download Dokumentation

Aufführungsdaten

Freitag, 11. Januar 2019 (Première)  I  19:30
Samstag, 12. Januar 2019  I  19:30
Sonntag, 13. Januar 2019  I 19:30
Mittwoch, 16. Januar 2019  I  19:30
Freitag, 18. Januar 2019  I  19:30
Samstag, 19. Januar 2019  I  19:30
Sonntag, 20. Januar 2019 (Zusatztermin)  I  19:30

Mitwirkende

Laura Vogt  I Text
Andreas Wiedermann  I  Regie und Inszenierung
Kristjan Döhring  I  Musikalische Leitung
Lisa Wittemer  I  Schauspielerin
Mareike Tiede  I  Schauspielerin
Walter Raschle  I  Sprecher
Ueli Riegg  I  Licht
Chor Inscriptum

Die Traumbeschauten

Egon Schiele lebte in einer Zeit des Auf- und Umbruchs. Während um 1900 noch immer tausende Menschen in die Städte strömten und insbesondere in Wien – dem Schmelztiegel Mitteleuropas – die Künste und Wissenschaften blühten, war die Situation zugleich spannungsgeladen. Das Habsburgerreich stand im Begriff zu zerfallen, und das Ich wurde als unrettbar bezeichnet.

Schiele war ein Kind seiner Zeit. 1890 im österreichischen Tulln als Sohn eines Stationsvorstehers geboren, wurde er schon mit 16 Jahren in die Wiener Akademie der bildenden Künste aufgenommen. Nach Abbruch des Studiums kannte man ihn als hochbegabten Maler, der sich weder dem akademischen Milieu noch der sittsamen Gesellschaft unterordnen mochte. Frauen spielten stets eine wichtige Rolle in seinem Leben. Mit seinem Modell Wally Neuzil führte er eine mehrjährige „wilde Ehe“, entschied sich dann aber für die Heirat mit Edith Harms. Sie war schwanger, als sie im Herbst 1918, wenige Tage vor Egon Schiele, an der Spanischen Grippe starb.

Heute verbindet man mit Egon Schiele vor allem seine ausdrucksstarken Akte von Frauen und Kindern, aber auch seine zahlreichen Selbstdarstellungen. Seine Gemälde und Arbeiten sind Ausdruck einer andauernden Suche nach dem Ich, nach der Konsistenz des Lebens und nach dem, was sich unter der Oberfläche befindet. Als provokant und eigensinnig galt Schieles Werk schon in der Zeit seiner Entstehung – und das gilt noch heute, obwohl sich mit Facebook und Instagram die Selbstinszenierung längst auf ihrem Höhepunkt befindet. Was hat Schiele heute, hundert Jahre nach seinem Tod, noch mit uns zu tun? Dem wird „Die Traumbeschauten“ anlässlich des 100. Todestages von Egon Schiele auf die Spur gehen.

Inszenierung

Zwei Frauen und ein Maler stehen im Zentrum der szenischen Teile von „Die Traumbeschauten“. Wally, die vermeintlich freie Geliebte, und Edith, die sittsame Ehefrau, treffen in Egon Schieles damaligem Wiener Atelier an der Hietzinger Hauptstrasse aufeinander. Die Szenerie ist traumähnlich, der grosse Künstler eben gestorben. Unzählige Zeichnungen, Skizzen, Gedichte und Briefe liegen herum. Menschen, die einst mit Egon Schiele zu tun hatten, gehen ein und aus, andere sitzen länger da und lassen sich wie in einem Kaffeehaus bedienen.

Immer wieder treten Edith und Wally in den Dialog miteinander. Sie werfen mal spielerische, mal zärtliche, mal wütende, mal ernste Blicke auf Egon, den Mann, der sie verbindet. Schiele selbst ist als Person nicht anwesend: Er zeigt sich durch die Auseinandersetzungen der beiden Frauen, durch zitierte Textfragmente aus seiner Hand und Briefzitate von Freunden, Förderern und Kritikern. Die vielen Identitäten des Künstlers werden dadurch sichtbar.

Diese Atelier-Ebene wird einige Male durchbrochen von einem Erzähler, der seine Reise von St. Gallen nach Wien in der heutigen Zeit schildert. Sowohl die Touristen, die sich mit ihren Selfie-Sticks vor dem berühmten Leopoldmuseum inszenieren, schildert er, aber auch seinen Gang durch die Schiele-Ausstellung und seinen Eindruck von den Bildern, was wiederum zurückführt zu Edith und Wally auf der Bühne.

Die Blicke, die Egon Schiele auf seine Modelle und die Welt geworfen hat, werden in „Die Traumbeschauten“ zurückgespiegelt. Text, Musik, Bild, Zeit und Raum treffen aufeinander, fliessen ineinander und stellen sich einander gegenüber. Die Zuschauer werden angeregt, sich Schieles Bilder im heutigen und damaligen Kontext immer wieder zu vergegenwärtigen und verwischen zu lassen. Ein klangvoller Abend.

Musik

Die Bilder von Egon Schiele tragen eine grosse Musikalität in sich. Obwohl vieles Fragment bleibt, weisen diese stillen Momentaufnahmen über sich hinaus und geben Hinweise auf das Kommende. Schiele ist ein besessener Menschenforscher mit einem sehr ehrlichen und ungeschönten Blick auf seine Mitmenschen und seine Umwelt. Er ist ein grosser Könner im Weglassen: Umarmungen ohne Gegenüber, ein Cellospieler ohne sein Cello, Figuren schwebend im Raum ohne Stuhl und Boden, häufig verschiedene Perspektiven gleichzeitig in einem Bild.

Die Zeit, in der Schiele aufwächst und malt, ist extrem faszinierend. Ob in Malerei und Musik, bei den Wiener Werkstätten oder in der Architektur: überall Aufbruch!

Davon lässt sich das musikalische Programm inspirieren, ausgehend von der Musik in Wien um 1900, vertreten durch die Komponisten Johann Strauss Sohn, Gustav (und Alma!) Mahler und Alexander von Zemlinsky. Mit den spätromantischen Volksliedern von Arnold Schönberg wird schon der Umbruch eingeläutet: Schönberg ist, vergleichbar mit Schiele, einer der Wegbereiter der Klassischen Moderne. Seine neuen 12-tönigen Kompositionen sollen mit der Chorbearbeitung „Farben“ von 1909 erklingen. Natürlich werden auch zeitgenössische Kompositionen zu hören sein: Der Schweizer Heinz Holliger wird mit seinem geflüsterten„Psalm“auf die Stille in Schieles Bildern antworten. Schliesslich wird uns Eriks Esenvalds mit seinen sphärischen Klängen „Stars“(2011) bis an das Firmament führen. Daneben werden analog zu Schieles Rückgriff auf Figuren der Romanik und Gotik auch Klänge der Alten Musik in den „Traumbeschauten“ zu hören sein.

Über «inscriptum»

«inscriptum» blickt unter der Leitung von Kristjan Döhring auf eine Reihe erfolgreicher Musiktheater-Produktionen zurück: 2012 sang und spielte der Chor in der Lokremise St. Gallen das Stück „Dunkelrosen der Nacht“, das Robert Schumanns Aufenthalt in der Heilanstalt Endenich thematisierte. In der Militärkantine St. Gallen wurde 2014 „Leichenreden“ – ein Stillleben zu Texten von Kurt Marti aufgeführt, 2016 „ich&er“ – eine Szenerie zu robert walser und christian morgenstern“ in der Kantonsbibliothek Vadiana St. Gallen. Alle Aufführungen fanden ein begeistertes Publikum und waren jeweils vollständig ausverkauft. Ausserdem widmet sich «inscriptum»  der Chorliteratur, die vorzugsweise aus der Renaissance und dem Frühbarock, aber auch aus dem 20. Jahrhundert stammt. In den Konzertprogrammen tauchen Werke von Alfred Schnittke, Arthur Honegger, Olivier Messiaen und Gustav Mahler auf. Eine wichtige Stellung nimmt die zeitgenössische Chormusik ein. So begeistert der Chor mit unkonventionellen Programmen, wie der Gegenüberstellung von Psalmenvertonungen von Cyrillus Kreek (1889-1962), John Rutter (*1945), Salvatore Sciarrino (*1947) und Giovanni Gabrieli (1553-1612), aber auch mit Werken von Komponisten, die hierzulande fast nie zu hören sind, wie Wolfram Buchenberg (*1962), Wolfgang Sauseng (*1956), Bob Chilcott (*1955), Peteris Vasks (*1946), Laurence Traiger (*1956) oder Arvo Pärt (*1935). Zur Passionszeit 2018 hat «inscriptum»  drei erfolgreiche Konzerte mit Werken von Gavin Bryars (Cadman Requiem), Michael Tippett (Spirituals),  Arvo Pärt, Stephen Paulus und Thomas Tallis in St. Gallen, Rheineck und Zürich aufgeführt.

Sponsoren

 

 


Dr. Fredy Styger Stiftung

 


Steinegg Stiftung

 


Mary und Max Steinmann Stiftung des Rotary Clubs St. Gallen